Farbe für Öffentliche Bauten.

3. September 2008

von Christiane Brune-Wiemer

Farbe in der Architektur ist vermehrt Thema innerhalb von Projektvorstellungen in Fachpresse und -literatur. So erfreulich diese Tendenz einerseits auch ist, auffällig ist andererseits der Eindruck, dass über die bloße Begeisterung über ungewöhnliche Farbkonzepte hinaus wenig an substanzieller, inhaltlicher Begleitung erfolgt.

Das Maiheft der AIT brachte unter der Rubrik „Öffentliche Bauten“ u.a. einige Projektbeispiele aus dem Bildungsbau. Zur Vorstellung kamen Bauten, die 2007 fertiggestellt wurden. Vertreten sind Projekte aus Deutschland, der Schweiz, Dänemark sowie den USA. Die Bebilderung und zum Teil auch die Artikelüberschriften lassen ein Interesse an Farbkonzeptionen vermuten, das jedoch über einen gewissen Begeisterungsfaktor nicht hinauskommt. Woraus aber resultiert die Begeisterung der Redakteure?

Das Farbportal hat seine Position zu den Beiträgen des Maiheftes gegenüber AIT kundgetan, leider jedoch keinerlei Reaktion erfahren. So können wir an dieser Stelle auch nicht auf das erbetene Bildmaterial zurückgreifen und müssen auf die Maiausgabe verweisen. Zwei Beispiele, die anhand ihrer besonders markanten Farbgebung hervorstechen, sollen ansatzweise auf Basis der Veröffentlichung genauer betrachtet werden.

Der erste Beitrag erscheint unter „Farbraumwunder“ (Herzog-Ulrich-Grundschule, Laufen/Neckar) und präsentiert sogleich einen weißen Klassenraum mit grünen Akzenten durch Tafel und Pinwand. Als Primärfarbe ist eindeutig Weiß abzulesen. Desweiteren wird uns ein purpurviolett/lilaner Kubus in weißer Umgebung gezeigt, der zugleich als Empfangstheke auf der einen Seite sowie Teeküche des Lehrerzimmers auf der anderen Seite, dient. Auch hier: Primärfarbe Weiß an Wänden, Boden (!) und Decke. Der Sanitärbereich besticht durch ein umfassendes „Clean Green“ (AIT) mit integrierten, kreisrunden orangefarbigen Öffnungen, die zum Teil tageslichtdurchlässig sind. Der Toilettenraum hingegen ist weiß mit orangen Kreisausschnitten. Erster und im Artikel letzter Bildbeitrag ist das schrille, pinkfarbige Treppenhaus, das als „Farbtor zur Schulwelt“ dienen soll. Soweit die Beschreibung.

Das nächste Schulprojekt ist ein Erweiterungsbau in Göttingen, Theodor-Heuss-Gymnasium/ Hölty-Schule. Unter der Überschrift „Signalrot“ erläutert AIT, dass der Bau im Inneren durch ein leuchtendes Signal-Rot „Farbe bekennt“. So dokumentieren die Abbildungen unterschiedliche Rottöne im Bodenbelag sowie an den ansonsten weißen Wandflächen. „Das kräftige Farbkonzept erstreckt sich über den gesamten Neubau – die Spanne reicht vom erdigen Orangerot im Unter- und Erdgeschoss bis zu Rottönen mit leichtem Blauanteil in den oberen … Ebenen“. „Umgebendes Grün, natürliche Helligkeit und die kräftigen Farben bieten beste Voraussetzungen für eine anregende Lernatmosphäre“.

Bemerkenswert erscheint zu allererst, dass beide vorgestellten Projekte anhand der Bebilderung keinen Rückschluß auf die jeweiligen Nutzergruppen zulassen, also austauschbar wären. Trotz aller Gestaltungsbemühungen hat man es insgesamt mit funktionalen und distanzierten Anmutungen zu tun, die durch starke Akzentfarben einen „Mehrwert“ erhalten sollen. Die Frage nach den Bedürfnissen von Schülern sowie denen der Lehrerschaft spiegelt sich in der Gestaltung nicht wieder.

Die Verweildauer in Bildungseinrichtungen wird zunehmend länger. Schule als architektonisch-räumliche Umwelt ist daher mehr und mehr Lebenswelt für Schüler und Lehrer. Die Frage nach sinnvollen pädagogischen wie gestalterischen Konzepten wird nicht allein dadurch dringender. Pisastudie, gesellschaftliche Veränderungen und Globalisierung erfordern ebenfalls neue Antworten für die Gestaltung eines sinnvollen pädagogisch-psychologischen Lern- und Lehrmillieus.

Für die Schulbauarchitektur sollten analytische und psychologische Fragestellungen Ausgangspunkt jeglicher Planung sein. Architekturbezogene Farb- und Materialwahlkriterien, Kenntnisse des jeweiligen pädagogischen Konzeptes sowie zu den Nutzergruppen bilden die zweckmäßige Grundlage einer gestalterisch funktionierenden Raum-Pädagogik-Einheit. Hieraus ergeben sich Gestaltungskriterien für Geborgenheit, Sicherheit, Kommunikation, Konzentration, Aufmerksamkeit und Ruhe, ebenso für Entspannung, Bewegung und Kreativität, um nur einige Beispiele zu nennen. Darüber hinaus steigern gestalterische Differenzierungen die Wahrnehmung der Schüler. Schularchitektonische Antworten für die jeweilige Schulform sind aus dieser Grundlagenarbeit (fast automatisch) ableitbar. Im Zusammanhang mit fundierten farbwissenschaftlichen Kenntnissen wäre ein sinnvoller Lösungsansatz gegeben.

Die Begeisterung der AIT-Redakteure für die vorgestellten Bauten sind auf dieser Grundlage nicht nachvollziehbar. Bei der Grundschule in Lauffen von einem „Farbwunder“ zu sprechen, wo es doch lediglich farbkräftige Akzente in einem ansonsten weißen Umfeld gibt, wirft viele Fragen auf. Wenn laut AIT „die Farbintensität der Räume in Abhängigkeit zu ihrer Nutzung steht“, wie verhält sich dann ein Pink zu Treppenhaus und Schülerschaft, Purpurviolett/Lila zu Lehrerzimmer und Empfang, Grün-Orange-Weiß des Sanitärtraktes zu Funktion und Nutzern? Träumen wir alle davon hier zur Schule zu gehen? Wohl kaum.

Keineswegs besser ist es um den Erweiterungsbau des Theodor-Heuss-Gymnasiums in Göttingen bestellt. Der Titel des Beitrages „Signalrot“ deutet bereits auf Farbsymbolik hin: Warnfarbe! Auch wenn die Redaktion von AIT „Liebe, Energie und Lebensfreude“ mit Rot in Verbindung bringt, so wird dadurch doch lediglich die eine Seite von Rot ins Gespräch gebracht. Die andere ist hingegen „negativ“ besetzt und läßt sich mit Machtstreben, Hass, Gewalt und Krieg ausdrücken. Assoziationen und Symbolik sind aber nicht allein die ausschlaggebenden Kriterien einer architektonischen Farbwahl. Beachtet werden muß vielmehr die Farbwirkung, die gerade im Falle von Rot eingehend untersucht wurde. Darüber sollte man Kenntnisse haben. Von einer „anregenden Lernatmosphäre“ kann daher auch nur eingesschränkt die Rede sein.

Beide Beispiele präsentieren die eingesetzten Farben als bloßes Designinstrument, losgelöst von Funktion und Wirkung. Der erneut aufkeimenden „Sozialen Frage“, die auch unser Schulsystem tangiert, und den daraus reflektierenden Farbwahlen, wird keine Beachtung geschenkt.

Schule hat eine gesellschaftlich-soziale Aufgabe und ist zugleich Kulturfaktor. Ein zunehmendes Spannungsfeld zwischen Bildung und Erziehung ist nicht zu übersehen und wird vielfach diskutiert. Die zunehmenden Verhaltensauffälligkeiten von Schülern, manifestiert in Bewegungsstörungen, Konzentrationsproblemen, neurobiologischen Phänomenen wie z.B. ADHS sowie vielfältigen sozialen Kompetenzstörungen sind neuerliche Herausforderungen für Lehrer – aber auch für Architekten, Gestalter und nicht zuletzt für die Bauherren von Schulbauten. Wissen ist hier gefordert, aus dem sich individuelle Konzepte ableiten lassen. Pädagogik und Architektur wäre so zu einem pädagogisch-psychologischen Millieu vereinbar, dessen Zielsetzung zugleich ablesbar ist. Eine in gewisser Weise willkürliche, dekorative Farbgebung wie z.B. mit dem kontraproduktiven Signal-Rot in Göttingen oder einer schwarzen Eingangshalle mit gelben Gängen und Treppen in Fribourg durch die Marques AG, Luzern (ebenfalls Signalfarben!) wäre unter diesen Gesichtspunkten ausgeschlossen. Das eine fundierte, wissenschaftliche Farbgestaltung die Gegebenheiten der Architektur, Nutzer und Pädagogikkonzepte berücksichtigt, ist selbstverständlich. Das sie darüber hinaus auch ästhetischen Ansprüchen gerecht wird, ist ebenfalls selbstverständlich. In der Summe all dieser Aspekte könnten Schulbauten einen Beitrag zur Lösung der sozial-pädagogischen Aufgabe leisten. Das dies hier gelungen ist erscheint fraglich.

Aus Sicht des Farbportals wäre eine öffentliche Diskussion dringend notwendig, nicht zuletzt um Mißbrauch durch bedenkenloses Copieren einzudämmen. Farbdesigner und -berater stehen mit ihrem Wissen bereit.

Das Farbportal wird sich mit den hier besprochenen Schulbauten eingehender beschäftigen, vor Ort recherchieren und sich insbesondere mit der Langzeitwirkung der gewählten Farben auseinandersetzen.

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